Predigt zum Sonntag Kantate (10. Mai 2020)

Pastor Dr. Stephan Vasel
Pastor Dr. Stephan Vasel

„Herrlichkeit . . . erfüllte das Haus“ (2. Chronik 5,14)

Predigt zum Sonntag Kantate am 10. Mai 2020

(Zum Zuhören, Mitlesen und Runterladen!)

 Am Rande des Hochzeitsplatzes unserer neuen Kirche steht ein Wegekreuz. Eine Erinnerung an dunkle Zeit. Gefunden bei Bauarbeiten in der Nähe des Turms. Metalldetektoren schlugen an. Die Furcht war groß, auf eine Weltkriegsbombe gestoßen zu sein. In Hannover erleben wir immer wieder die Evakuierung ganzer Stadteile. Doch zum Glück kam es dieses Mal anders. Keine Evakuierung. Kein Ausnahmezustand. Keine Bombe. Statt dessen eine Lafette, ein altes Kriegsgerät. Vermutlich wurde damit auf Flugzeuge geschossen. Ob von Bothfeld aus, lässt sich nicht mehr ermitteln. Es gibt niemanden mehr, der sich daran erinnern kann.

Aus der Lafette haben wir Teile herausschneiden lassen. So hat sie jetzt die Form eines Kreuzes. Schwerter zu Pflugscharen. Kriegsschrott zu  einem Wegekreuz. Eigentlich wollten wir dieses Kreuz in einem Gottesdienst im März weihen. Corona machte dies unmöglich. So steht das Kreuz seitdem ohne Weihe und mahnt gleichwohl zum Frieden.

Wäre nicht gerade Corona das fast alles bestimmende Thema, wären wir in diesen Tagen vermutlich sehr mit dem 8. Mai beschäftigt. Vorgestern jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Heute nennen wir den 8. Mai „Tag der Befreiung“. Nicht immer wurde das so empfunden. Dem Weg zu dieser Deutung ging ein langer Lernprozess voran. Eine Wende markierte eine viel beachtete Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985. Ältere werden sich daran erinnern. Er sagte damals:

„Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Hass zu schüren.
Die Bitte an die jungen Menschen lautet:
Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder gegen Türken,
gegen Alternative oder gegen Konservative,
gegen Schwarz oder gegen Weiß.
Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“

 Und an den Bundestag gewandt:

„Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben.
Ehren wir die Freiheit.
Arbeiten wir für den Frieden.
Halten wir uns an das Recht.
Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit.
Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.“

 Von Älteren hören wir in diesen Wochen,  Corona sei eine ähnliche Erfahrung wie der Krieg. Der Krieg war weit schlimmer. Seine Wucht, seine Gewalt, seine Entgrenzung war weit mächtiger. Aber es gibt eine Entsprechung auf einer anderer Ebene: Eine neue Wahrnehmung dass vieles fragiler, zerbrechlicher und unbeständiger ist als gedacht. Die Erfahrung, wichtige Fragen des Lebens – trotz größter technischer Möglichkeiten – allenfalls in Grenzen selber steuern zu können. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein.

Und doch gibt es hier wie da Dinge, die man selbst tun kann. In Kriegszeiten wenigstens den Frieden vor der eigenen Haustür halten und sich nicht mitreißen lassen von Feindschaft, Hass und Hetze. In Corona-Zeiten durch Distanz dazu beizutragen, möglichst wenig Menschen anzustecken. Anders Kontakt zu Menschen suchen, die wir sonst treffen würden. Und neue Wege suchen, zum Beispiel Predigten ins Internet stellen und in Briefkästen stecken. Oder einfach mal einen Nachbarn anrufen.

Den Predigttext hören wir heute, am Sonntag Kantate, aus dem zweiten Buch der Chronik im fünften Kapitel (2. Chronik 5,2-5.12-14):

Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.

Und alle Leviten, die Sänger waren, . . . standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: "Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig", da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des HERRN, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

 Gesang gehörte schon immer zu Gottesdiensten. Er wird uns besonders fehlen, wenn wir nun Gottesdienste mit Mundschutz feiern. Hier in der Bibel ist viel zu hören. Allein 120 Priester sind bei diesem Fest dabei. Sie spielen Trompete. Eine Großveranstaltung. Ein Pilgerfest. Alle sind da. Alle singen. Alle feiern mit.

Gefeiert wird die Bundeslade. Sie enthält die Zehn Gebote. Das wirkt fremd. Auf Gebote reagieren wir meistens eher nicht mit Freudenfesten. Wir haben gerade erlebt, wie Kontaktverbote unser Leben umfassend bestimmt haben. Das wurde von fast allen mitgetragen, und so hat es geklappt, die Infektionszahlen zu senken. Nun erleben wir, dass auch die vorsichtige Öffnung mit erheblichen Mühen verbunden ist. Länder vergleichen sich. Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur vergleichen sich. Wir vergleichen uns. Was ist wichtiger? Baumärkte? Schulen? Sportanlagen? Regelungen, mit denen alle gleichermaßen zufrieden sind, kann es da nicht geben. Und es gibt auch niemanden in Verantwortung, der ohne Fehler, Lernprozesse und Kurskorrekturen durch diese Zeit kommt.

In der Bundeslade liegen die Zehn Gebote. Sehr grundsätzliche Weisungen. Sie beziehen sich auf das Leben der Menschen, aber auch auf das Leben mit Gott. Zum Beispiel Vater und Mutter ehren, nicht töten und nicht die Ehe brechen. Aber auch den Feiertag heiligen, den Namen Gottes nicht unnütz gebrauchen und die Erinnerung wahren an den Auszug aus Ägypten, die große Geschichte der Freiheit, die eng mit den Verboten verknüpft ist.

Unser Predigttext feiert diese Gebote. Mit allen Sinnen wird Gott gelobt. Und Gott feiert mit. Seine Herrlichkeit erfüllt das Haus. So wird deutlich: Was wir auf der Erde tun, ist auch im Himmel relevant. Eine Orientierung zu haben für ein gutes Leben.

Einen Teil davon würde ich gerne mitnehmen in unsere Zeit: Dass Gebote nicht nur lästig sind. Ja, man kann prima streiten über Gebote und sich empören. Und ja: Es gibt hinreichend Erfahrungen in der Diktaturgeschichte gerade unseres Landes, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen, und nicht unhinterfragt alles zu machen, was befohlen ist. Es gibt aber auch Gebots-Situationen, in denen Gebote lebensdienliche Weisungen sind. Da möchte ich gerne einstimmen können in den Dank über die Bundeslade – über Weisungen, die ein gutes Leben möglich machen. Und über Gott, der gerade auch dann präsent ist, wenn es darum, die richtigen Wege im Leben zu finden. Amen.