Predigt zum 2. Sonntag nach Ostern: Misericordias Domini (26.4.2020)

Pastorin Gundula Rudloff
Pastorin Gundula Rudloff

Andacht für den „Sonntag des guten Hirten“, 26. April 2020

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Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben.

(Johannes 10,11a.27-28a)

„Sonntag des guten Hirten“ wird dieser zweite Sonntag nach dem Osterfest auch genannt, weil uns im Bild des guten Hirten auf besonders schöne Weise etwas davon entgegenkommt, wie sich die Kraft des Auferstandenen in unserem Leben auswirkt.

„Ich bin der gute Hirte“, sagt Jesus. In mir ist die ganze Macht und Kraft Gottes da, die mein Volk seit alters her erfahren hat und auf viele Weise bekennt: Wer mir vertraut, den werde ich leiten und versorgen und schützen. Denn: „Ich bin“; ich bin für dich da. Das ist schon der alte Name Gottes, den Mose hörte, als er nach dem Namen dessen fragte, der ihm im brennenden Dornbusch begegnete.

In Jesus begegnet uns Gott. Die Auferweckung von den Toten hat es endgültig ans Licht gebracht: Jesus ist der, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden und dem auch die Macht über unsere kranke Gegenwart nicht entglitten ist. Deshalb: Lasst uns nicht auf ein kleines Virus starren, sondern den guten Hirten (neu) in den Blick bekommen und damit die Kraft unseres Gottes.

Wir glauben ja nicht an irgendeinen abstrakten „guten Gott“, sondern an einen, der sich selbst viele Namen gibt, um dir und mir zu sagen, wer er für uns sein will, zum Beispiel: „Tür“, „Weinstock“, „Weg, Wahrheit und Leben“ und eben auch „guter Hirte“. Mit all diesen Namen lädt Jesus uns in die Beziehung zu ihm ein, er lockt uns ins Vertrauen.

Die spannende Frage ist: Sind wir bereit, uns darauf einzulassen und uns in diesem Bild vom guten Hirten einzufinden? Denn: Wenn Jesus der „gute Hirte“ ist, dann wir die „Schafe“. Man muss sich mit dem Schafehüten nicht näher auskennen, um zu verstehen: Schafe sind ziemlich hilfsbedürftige Tiere.

Jesus, der „gute Hirte“, konfrontiert uns also erstmal mit unserer Bedürftigkeit. Er konfrontiert uns mit der Tatsache, dass wir ohne ihn angreifbar und verletzlich und orientierungslos sind. Es fordert uns heraus, demütig anzuerkennen und zu bekennen: Ja, wir sind viel abhängiger als wir oft denken und wahrhaben wollen. Und vielleicht ist das, was uns kranker macht als irgendetwas anderes in dieser Zeit, unsere Selbstüberschätzung. Als hätten wir das Leben im Griff und unter Kontrolle.

Vielleicht ist es an der Zeit, sich nicht länger darüber hinwegzutäuschen, dass wir höchst gefährdet und angreifbar leben und dass wir uns Halt und Sicherheit und Freiheit gar nicht selbst garantieren können. Ein winziges Virus, das alle Menschen und alle Lebensbereiche anzugreifen droht, führt uns das gerade drastisch vor Augen. Wir haben das Leben eben nicht im Griff. Wir können nicht garantieren, dass es uns morgen noch gut gehen wird. Wir haben keine Ahnung, wo uns diese Krise noch hinführen kann. Wir wissen ja noch nicht mal, wodurch sie überhaupt ausgelöst wurde. Unser Leben ist höchst zerbrechlich.

In der weisen Betrachtung des menschlichen Lebens durch die Psalmbeter klingt das so: „Gott, wenn du gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt. Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub“ (Psalm 104, 28-29). Oder: „Denn des Menschen Geist muss davon, und er muss wieder zu Erde werden; dann sind verloren alle seine Pläne“ (Psalm 146,4). – So zerbrechlich ist unser Leben.

Vor diesem Hintergrund wirkt das Bild vom guten Hirten auf mich unendlich tröstlich, geradezu entspannend: Wir müssen gar nicht alles im Griff und unter Kontrolle haben. Wir sind „Schafe“ und dürfen es auch sein. Unsere Bedürftigkeit ist kein Makel, sondern Teil unserer Geschöpflichkeit, in der wir uns getrost Gott hinhalten und ihm anvertrauen dürfen. Denn Gott behält den Überblick über unser Leben; er ist ja der König der Völker und HERR der Welt. Er weiß, was wir heute und morgen brauchen. Von ihm können wir jederzeit Orientierung erbitten; sein Geist wird uns durch scheinbar verworrene Situationen und Zeiten führen. Mitten in den Erschütterungen des Lebens können wir Geborgenheit und Frieden finden – bei dem guten Hirten.

„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben.“ Jesus beschreibt, wie es idealerweise zwischen Gott und uns läuft: Er redet, und wir hören. Er kennt uns, und wir kennen ihn, so dass wir ihm folgen können. Bei ihm ist Leben in Ewigkeit, und wir empfangen es.

Erstaunt möchte ich zurückfragen: Jesus, bist du dir sicher, dass du deine „Schafe“ nicht maßlos überschätzt? Müsstest du uns nicht für ein bisschen dümmer halten? Du weißt doch, dass uns das mit dem Hören so schwer fällt, geschweige denn unter den vielen Stimmen deine herauszuhören. Du weißt doch, dass wir dein Wort und deinen Willen so oft missverstehen und umdeuten, so dass wir eher unseren Ideen und Machtinteressen folgen als dir.

„Meine Schafe hören meine Stimme… und sie folgen mir.“ Es bleibt dabei: Jesus sagt das ohne „Wenn“ und „Aber“. Wie kann das gehen? – Nur so, dass es denen gilt, die ihn den guten Hirten sein lassen; die ein Ja zur eigenen Bedürftigkeit gefunden haben und die deshalb nichts lieber wollen, als die Stimme des guten Hirten zu hören und zu beherzigen. Sie ist ihnen ja zur unverwechselbaren Stimme der Liebe geworden, die von nichts überboten werden kann, was dem begrenzten Horizont menschlicher Weisheit entspringt.

Im Bild vom guten Hirten gibt Jesus uns übrigens die wichtigste Hörhilfe mit auf den Weg: nämlich die Gemeinschaft, die Gemeinde Jesu, die „Herde Gottes“. Deshalb rufen uns Krisenzeiten ganz besonders in diese Gemeinschaft hinein und sind besondere Chancen, (ganz neu) zu hören und auszutauschen: Was meint ihr, was könnte Gott uns gerade sagen? Was legt er euch ans Herz? Wovor warnt er uns vielleicht? Oder wo ruft Gott uns zur Umkehr? Wie erfahrt ihr seinen Schutz und Trost?

Dass wir uns gerade nicht wie gewöhnlich in der Kirche versammeln dürfen, mag als äußeres Hindernis erscheinen. Aber könnte es sein, dass das gerade unseren inneren Zusammenhalt stark machen kann und uns Mut macht und daran erinnert, als mündige Christen zu leben: als Haus-Gemeinde Jesu im ganz kleinen Umfeld in den Familien und Nachbarschaften. Gott redet doch nicht nur in der Kirche durch einen Pastor oder eine Pastorin zu seinen „Schafen“. Er wird immer dann spürbar mitten unter uns sein, „wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind“ oder wenn wir am Telefon oder durch das Internet miteinander reden und beten.

Lassen wir also nicht zu, dass Corona uns an Gemeinschaft hindert; schon gar nicht, dass uns das Virus dem guten Hirten entfremdet, der so gern mit seiner Schafherde unterwegs ist, weil er ein Ziel für uns hat: „Ich gebe ihnen das ewige Leben,“, sagt Jesus. Damit lädt er uns ein: Komm heute zu mir, ich will heute für dich sorgen an Körper, Seele und Geist; ich will dir heute mit Wegweisung und Geleit zur Seite stehen; du darfst heute unter meinem Schutz sicher sein – ob gesund oder krank. Heute sollst du dich in meinem Frieden geborgen wissen, der höher ist als alle Vernunft und der dich über die Grenze des irdischen Lebens hinaustragen wird bis in Ewigkeit. Amen.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche bei und mit diesem guten Hirten!

 Lassen Sie uns zusammen Psalm 23 beten:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Amen.

Im evangelischen Gesangbuch, EG 274, ist dieser Psalm vertont und vertiefend gedeutet wie auch im Lied „Wunderbarer Hirt“ von Lothar Kosse:

 Du bist ein wunderbarer Hirt,                      
Der mich zu frischem Wasser führt.
Du hast so reich gedeckt,
Des Königs Tisch für mich.

Du bist mein Stecken und mein Stab,
Und wandre ich im finstren Tal.
Fürcht ich kein Unheil mehr,
Denn du bist hier bei mir.

 Ich komm, ich komm,
An deinen Tisch, ich komm.
Ich komm und ich bin gewiss,
Du bist mein wunderbarer Hirt.

Du hast mein Haupt gesalbt mit Öl.
Den Becher bis zum Rand gefüllt.
An deiner Hand wird meine Seele still,
Sie wird still.

Ich komm, ich komm,
An deinen Tisch, ich komm.
Ich komm und ich bin gewiss,
Du bist mein wunderbarer Hirt.