Predigt zum Sonntag Exaudi (24. Mai 2020)

Holger Braun (Prädikant in St. Nathanael)
Holger Braun (Prädikant in St. Nathanael)

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Kurzpredigt zum 6. Sonntag nach Ostern - Exaudi, 24. Mai 2020

Liebe Schwestern und Brüder,

das menschliche Herz, unser Herz, ist doch eine wunderbare Sache. Zum Einen ist es gewissermaßen der  Motor, der uns antreibt, die unermüdliche Pumpe, die die Lebenskraft durch unseren Körper strömen lässt vom ersten Beginn an bis zu unserem letzten Atemzug.

Zum  Anderen steht das Herz für den Ort alles dessen, was uns besonders betrifft. Was uns ernst und wichtig ist, das nehmen wir uns zu Herzen. Was uns am Herzen liegt, dafür setzen wir uns besonders ein. Was uns bewegt, das geht uns zu Herzen und was wir im Herzen tragen, das bewegt uns, im geistigen Sinne wie auch im Handeln.

Gott spricht durch den Propheten Jeremia  von unseren Herzen. Wir lesen im 31. Kapitel:

Das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.
(Jer 31,31)

Was für eine Vision! Man stelle sich das einmal vor: Alle Menschen trügen Gottes Gesetz im Herzen, das nichts anderes ist, als das Gesetz der Liebe, denn Gott  ist die Liebe. Alle Menschen wüssten dann, was gut und richtig ist und würden danach handeln. Niemand müsste darauf achten, dass sich alle daran halten, denn alle tun ja sowieso von ganzem Herzen, was für die Mitmenschen und die ganze Schöpfung das Beste ist. Wo alles menschliche Leben vom Gesetz der Liebe bestimmt ist, da wäre kein Raum mehr für Egoismen und Selbstoptimierung. Es wäre das Ende aller Konflikte und Ausbeutung von Menschen und Natur. Alles menschliche Leben stünde im Einklang miteinander und  mit Gott. Kurz gesagt, es wäre das wiedergefundene Paradies.

Aber noch ist es nicht so weit. Zu zahlreich die Dinge in unseren Herzen, die uns von Gott entfernen möchten. Gott hat immer versucht die Menschen an sich zu ziehen durch Weisungen, Bundesschlüsse und Worte der Propheten. Schließlich ist er sogar selber in Jesus Christus Mensch geworden, um uns Menschen in den neue Bund der Gottes- und Nächstenliebe hineinzunehmen und den Zentrifugalkräften, die uns von Gott entfernen wollen, die Macht zu nehmen.

Unermüdlich arbeitet Gottes Heiliger Geist, den wir am kommenden Sonntag wieder feiern wollen, daran, das Gesetz dieses Liebesbundes in den Herzen aller Menschen zu verankern, die sich ihm öffnen.

Wenn wir in die Welt unserer Zeit schauen, dann hat der Heilige Geist noch viel zu tun bis das durch Jeremia verkündete Versprechen Gottes Wirklichkeit wird. Doch in diesen Tagen, in denen die Covid-19-Pandemie unseren  Alltag bestimmt, ist auch Hoffnungsvolles zu beobachten. Allgemein ist die Bereitschaft und das Verständnis dafür groß, eigene  Einschränkungen in Kauf  zu nehmen um andere Menschen zu schützen. Menschen, die sich bisher kaum um Ihre Nachbarschaft gekümmert haben, sorgen sich auf einmal um deren Wohl. Wir erfahren von spontanen Hilfsangeboten für Menschen, die besonders von den sozialen Beschränkungen betroffen sind. Ich bin sicher, Ihnen fallen noch mehr Beispiele ein. So etwas wie eine weltweite Pandemie ist nur durch Achtsamkeit füreinander in den Griff zu bekommen, seien nun einzelne Menschen oder Staaten die Akteure.

Die neoliberalen These, nach der das größtmögliche Wohlergehen für alle erreicht wird, indem jeder einzelne nach dem größten Nutzen für sich selbst strebt, entlarvt sich zunehmend als die Lüge unserer Zeit.

Solange wir uns vom Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe bestimmen lassen, dürfen wir gewiss sein, nicht von Gott fort, sondern auf ihn hin zu leben.

Der heutige 6. Sonntag nach Ostern hat seinen Namen Exaudi nach dem Einleitungsvers zur heutigen Psalmlesung bekommen; „Exaudi, Domine, vocem meam, qua clamavi ad te“, erhöre meine Stimme, Herr, wenn ich nach dir rufe. Das erinnert daran, dass wir Menschen auf Gottes Hilfe angewiesen sind. Gott allein weiß es und vielleicht ahnen wir es selbst, wie oft sich bei allen guten Vorsätzen der kleine Satan in uns daran zu schaffen macht uns von Gottes Wegen abzulenken. Darum wollen wir zu Gott rufen und um Stärkung unserer Herzen durch den Heiligen Geist bitten, damit Gottes Gesetz, das die Liebe ist, darin wachsen und gedeihen kann. Wir beten mit den Worten des Apostels Paulus aus der Epistel des heutigen Sonntags:

Gott, gib uns die Kraft gestärkt zu werden durch deinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohne.
Wir sind in der Liebe eingewurzelt und gegründet, damit wir mit allen Heiligen begreifen können, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist
und auch die Liebe Christi erkennen können, die alle Erkenntnis übertrifft,
damit wir erfüllt werden, bis wir die ganze Fülle Gottes erlangt haben.
(Eph 3,16-19)

Amen.

„Wer singt, betet doppelt“, soll der Kirchenvater Augustinus einmal gesagt haben. Vielleicht ist Singen und musizieren auch einfach die schönste Weise Gott anzurufen. Das Wochenlied Heilger Geist, du Tröster mein (EG 128) nimmt unser Bitten mit einer uralten Melodie auf, mit der Menschen bereits vor über 800 Jahren um Stärkung durch Gottes Heiligen Geist gebeten haben.
Das Lied Atme in uns, Heiliger Geist (Freitöne 7) nimmt diese Bitte in moderner Form auf.

Zum Anhören oder Mitsingen:

Heiliger Geist, du Tröster mein www.youtube.com/watch?v=2N2Gz4_kx6k
Atme in uns, Heiliger Geist https://www.youtube.com/watch?v=Ar5fu-IRh-M