Predigt zum Sonntag Judika (29. März 2020)

Pastorin Gundula Rudloff
Pastorin Gundula Rudloff

Andacht für Sonntag, 29. März 2020 (5. Sonntag in der Passionszeit: „Judika“)

Zum Anhören , zum Nachlesen und als PDF-Datei:

Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.  (Mt 20,28).

Liebe Nachbarn, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Gemeinde,

Dieses Bibelwort steht am Anfang dieser 5. Woche in der Passionszeit, die mit dem Sonntag Judika heute beginnt. – Und mit dieser guten Nachricht seien Sie von Herzen gegrüßt aus St. Nathanael in Bothfeld!

Judika – das heißt: Gott, schaffe mir Recht! So betet ein Mensch in Psalm 34.  Er sieht sich Umständen ausgeliefert, die ihn in Not, Angst, Trauer versetzen und erwartet Gottes helfendes Eingreifen. – Ich versuche mal, das für heute zu übersetzen (im Wissen, dass es natürlich noch ganz andere Aspekte gibt): Gott, das ist unfair, dass ich jetzt mit so vielen Einschränkungen leben muss. Gott, ich hatte mich auf so vieles gefreut, was jetzt wegen des Virus abgesagt worden ist. Gott, das ist ungerecht, dass ich jetzt um meinen Arbeitsplatz bangen muss oder ihn sogar verliere. Gott, mein Partner hat diese Infektion nicht verdient… Gott, siehst du nicht, dass meine Mutter gerade jetzt meinen Besuch im Seniorenheim bräuchte? Warum haben die andern beim Einkaufen Glück, und bei Artikeln, die ich brauche, sind die Regale leer? Gott, was wird mit mir, was wird mit unserm Land und dem Wohlstand, den die Generationen vor uns mühsam aufgebaut haben? Gott, ich verstehe die Welt nicht mehr, warum lässt du das zu?

„Gott, schaffe mir Recht!“ - Was die Psalmen uns lehren, ist beten. Mit Gott reden. Von ihm erwarten, was Menschen nicht geben können. Auf eine Autorität über uns die Hoffnung setzen. Nicht unsere klugen Gedanken und Möglichkeiten, nicht das politische Krisenmanagement für der Weisheit letzten Schluss halten. Sondern mit einem Beter der Bibel sagen: „Wir liegen vor dir mir unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“ (Dan 9,18).

Denn eins zeigt uns das Virus mit aller Deutlichkeit: Wir haben unser Leben nicht im Griff. Von heute auf morgen kann die Welt anders aussehen, und wir können es nicht ändern. Gott kann es ändern; er kann auch uns verändern. Bei ihm kommen wir zu unserm Recht und nicht zu kurz. Deshalb finde ich die Bitte: „Gott, schaffe mir Recht!“ so tröstlich und aussichtsreich:

Zunächst: Gott ist der HERR; ihm gehört alle Macht im Himmel und auf Erden. Er ist der wahre König. Er trägt die Krone, nicht das Virus, das Corona (zu deutsch: Krone) heißt. Gott verliert nicht die Kontrolle. Er wartet darauf, dass wir ihn bitten, dass er „unsere Sache führt“. Er ist der Herr unseres Lebens, der Herr über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, der Herr im Sterben und über den Tod hinaus. „Wir sterben nicht an einer Krankheit, sondern an Gottes Willen“, sagte jemand mal sehr provokant. Wir dürfen das bekennen und festhalten.

„Gott, schaffe mir Recht!“ – Diese Bitte ist aus einem zweiten Grund tröstlich und aussichtsreich: Wir sind sterblich. Aber Gott ist ewig. Und er hat uns zum ewigen Leben berufen. Jeden Tag kann unser Leben enden. Ein Virus, unsichtbar für unsere Augen, kann es beenden. Haben wir uns damit auseinandergesetzt? Wissen wir, wohin wir nach dem Tod gehen und mit welchem Recht wir Hoffnung über den Tod hinaus haben? Die vielen äußeren Hygienemaßnahmen sind jetzt besonders wichtig und in manchen Fällen sogar lebenserhaltend. Aber brauchen wir vielleicht genauso dringend innere Maßnahmen - um des ewigen Lebens willen? Bedeutet uns das überhaupt etwas? Oder zeigt uns das Virus, dass wir uns allein um unser Recht auf dieser Welt sorgen?

„Gott, schaffe mir Recht!“ – Ein dritter Gedanke: Könnte es sein, dass Gott uns zu recht fragt: Wie ist das mit deinen Prioritäten im Leben? Worauf verlässt du dich? Wo suchst du Sicherheit und Halt? Woran hängst du dein Herz? Welchen Götzen hast du den Thron deines Lebens überlassen? Wem oder was räumst du Rechte in deinem Leben ein? - Wäre es uns recht, wenn Gott uns zur Buße führte, zur Abkehr von falschen Wegen und Lebenshaltungen, um in den Raum seiner Gerechtigkeit  zurückzufinden?

„Gott, schaffe mir Recht!“ – Ein vierter Grund, so zu beten: Wir bekennen einen Gott, der für uns am Kreuz starb. Jesus beharrte nicht auf göttlicher Macht und Herrlichkeit, sondern wurde freiwillig arm, gering und angreifbar, wich dem Leid und dem qualvollen (Erstickungs-)Tod nicht aus – um uns bei Gott ins Recht zu setzen. Um uns zurückzulieben in die Beziehung zu Gott. Wir haben einen Gott, der sich mitten in unsere ungerechte, leidvolle Welt hineinbegibt, um sie mit seiner Gerechtigkeit zu durchdringen. Das zwangsläufige Fasten in dieser Passionszeit, wenn wir auf Begegnung, Berührung, gewohnte Programme und vieles mehr verzichten müssen, schenkt uns Zeit, darüber nachzudenken, Zeit für Bibel und Gebet.

„Gott, schaffe mir Recht!“ – Schließlich: Durch Jesus sind wir berechtigt und gewürdigt, als Kinder Gottes, als Königskinder, zu leben. Wir sind ausgestattet mit seinem Geist, der – so bekennt der Prophet Hesekiel - aus uns „solche Leute macht, die in Gottes Geboten wandeln und seine Rechte halten und danach tun“ (Hesekiel, 36,27).  Gott verhilft uns zu unserm Recht dadurch, dass er in uns lebt und durch uns wirkt. So kommt Gottes Gerechtigkeit in diese Welt. Das Markenzeichen dieser Gerechtigkeit ist Liebe und der Dienst am Leben, der den Tod nicht fürchtet.

Psalm 34 beginnt: „Gott, schaffe mir Recht“ und endet: „Was betrübst du dich, meine Seele und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist!“  Amen.

EG 164

Jesu, stärke deine Kinder / und mach aus denen Überwinder, / die du erkauft mit deinem Blut! / Schaffe in uns neues Leben, / dass wir uns stets zu dir erheben / wenn uns entfallen will der Mut! / Gieß aus auf uns den Geist, / dadurch die Liebe fließt / in die Herzen: / so halten wir getreu an dir / im Tod und Leben für und für.

Gebet

Jemand sagte mal: Mut ist Angst, die gebetet hat. – Lassen Sie uns mit einem Gebet aus dem evangelischen Gesangbuch beten (Nr. 930):

Vater im Himmel, ich bitte dich weder um Gesundheit noch um Krankheit, weder um Leben noch um Tod, sondern darum, dass du über meine Gesundheit und meine Krankheit, über mein Leben und meinen Tod verfügst zu deiner Ehre und zu meinem Heil. Du allein weiß, was mir dienlich ist. Du allein bist der Herr, tue, was du willst. Gib mir, nimm mir, aber mache meinen Willen dem deinen gleich. Amen.

 

Wer möchte, kann sich weiter Zeit zum Gebet nehmen – mit diesen oder anderen Worten.

Allmächtiger und barmherziger Gott,

wir bekennen persönlich und stellvertretend für unser Land, dass wir selbstsicher leben. Dass wir oft so leben, als ob es dich nicht gäbe. Wir erkennen und bekennen, dass es letzte Sicherheit nur gibt, wenn wir uns an dich binden, denn du bist mächtig, du bist heilig, du bist gerecht, du bist gnädig, du bist treu.

Wir beten um dein Erbarmen für alle, die an körperlicher oder seelischer Krankheit leiden…

Wir beten um dein Erbarmen für uns persönlich, für unser Land und für unsere Kirche…

Wirke durch deinen Heiligen Geist, dass wir dich neu suchen und dich über alle Dinge fürchten, lieben und dir vertrauen. Hilf uns, die Zeichen der Zeit zu sehen und zu verstehen. Hilf uns zur Umkehr. Hilf uns zum Glauben, hilf uns zur Hoffnung und hilf uns zur Liebe.

Wir bitten dich um Besonnenheit und Weisheit für alle Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft, Gesundheitswesen, Kirchen, dass sie tun und anordnen, was dem Leben dient und die Gefahren eindämmt.

Wir beten um deinen Schutz für Ärzte und Pflegekräfte, für alte und schwache Menschen, für Menschen an den Kassen unserer Einkaufsmärkte, für alle, die Angst um ihre Existenz haben, für Kinder...

Herr, erbarme dich. Amen.