Predigt zum Sonntag Lätare (22.3.2020)

Pastor Dr. Stephan Vasel
Pastor Dr. Stephan Vasel

Liebe Schwestern und Brüder, sehr geehrte Damen und Herren,

mit dieser aktuellen Audio-Predigt aus unserer Kirche möchte wir Ihnen die Möglichkeit geben, trotz des Corona-Virus, an einem persönlichen Teil des Gottesdienstes, der Predigt teilzuhaben. Mit diesem kleinen Service möchten wir Ihnen den Sonntag, der sonst dem Gottesdienst gehört, etwas geistlichen Halt und Segen geben. Wir sind weiterhin für Sie per Telefon oder E-Mail erreichbar, wenn Sie Sorgen und Nöte haben.

Bleiben Sie gesund und verlieren in dieser schweren Zeit nicht die Hoffnung.

Ihr Pastor Dr. Stephan Vasel

Die Predigt können Sie sich mit einem Klick auf diesen Link anhören oder auch mitlesen:

Beten in den Zeiten von Corona

Eine kurze Predigt für den Sonntag Lätare am 22. März 2020

Ein Virus durchkreuzt unsere Pläne. Ungläubig stehen wir davor. Was gestern noch als übertrieben galt, fühlt sich einen Tag später bereits ganz anders an. Zunächst haben wir die Bilder im fernen China gesehen, dann in näheren Ländern und nun auch in Deutschland: Geschlossene Schulen, Vorratskäufe und eine umfassende Reduktion des öffentlichen Lebens. Weltweit: In Neuseeland und den USA ebenso wie in Italien, Frankreich und Spanien. Und ebenso in Bayern, Hamburg und Niedersachsen.

Es ging schnell. Zunächst dachten wir: Wir feiern Gottesdienste ohne Abendmahl. Dann kam der Rat, Gottesdienste und Veranstaltungen bis Mitte April ausfallen zu lassen. Darauf dann die Empfehlung, Kirchen und Gemeindehäuser selbst für Gebet und Stille nicht mehr zu öffnen. So etwas haben wir noch nie erlebt, und es fällt schwer, sich darauf einzustellen. Als Kirche sind wir gerade darin stark, uns zu treffen, zu vernetzten, nahe bei den Menschen zu sein. Beten, Singen, Feiern, Segnen. Was nun?

In St. Nathanael hätten wir an diesem Sonntag unser Stiftungsfest gefeiert. Wir hätten dankbar auf die vielen Spenden geschaut, die von der Stiftung für die neue Kirche gesammelt wurden: Mehr als 70.000,- EUR für Stühle, die Orgelsanierung und Ausstattungsgegenstände. Eine überwältigende Erfahrung, dass vielen Menschen diese Kirchengemeinde sehr wichtig ist.

Und wir hatten vor, ein besonderes Kreuz zu weihen. Aus einer Lafette geschnitten, einem Stück Kriegsschrott, das wir bei den Bauarbeiten gefunden haben. Eine Erinnerung, woher wir in Deutschland kommen, und eine Mahnung zum Frieden. Dazu eine Orgelmatinee. Nun werden wir abwarten und einen anderen Termin finden. Vieles fällt aus. Manches lässt sich nachholen.

Der Predigttext am Sonntag Lätare zeichnet ein Bild, wie es sein kann, wenn eine schwere Zeit hinter Menschen liegt:

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. . . . Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen (aus Jesaja 66).

Vielleicht wird es so ähnlich sein, wenn die Krise vorbei ist. Wenn es Medizin gibt, einen Impfstoff vielleicht. Wenn wir Menschen wieder umarmen können und nicht jedem mit zwei Metern Abstand begegnen.

Mir fällt auf, wie sinnlich die Bibel doch manchmal ist. „Saugen“, „sich satt trinken an den Brüsten des Trosts“, „sich an der vollen Mutterbrust erfreuen“. Wir werden uns fühlen wie ein Kind, dass auf dem Arm getragen wird. Sicher, geborgen und voller Zuversicht.

Diese Perspektive möchte ich gerne mitnehmen. Nach Angst und Gefahr darf auch wieder Freude sein. Nähe und Geborgenheit.

Doch jetzt ist es anders. Besonnenheit ist ein Gebot der Stunde. Das richtige Maß finden. Weder Panik noch Leichtsinn. Zuhause beten statt an öffentlichen Orten. Nachbarinnen Nachbarn im Blick haben. Anrufen und mailen. Vielleicht etwas lernen, was wir bislang nicht konnten: Video- und Telefonkonferenzen. Und anderen geduldig erklären, wie das geht.

Und im Kreis derer, die noch beieinander sein dürfen, die Zeit bewusst gestalten: Kindern beibringen, wie man Brot backt. Spiele aus dem Schrank holen, die vielleicht noch ungespielt sind. Und beten – vielleicht vor dem Essen und mal wieder zusammen singen.

Eine kleine Form macht dazu die Runde. „Wenn es dunkel wird. Singen vom Balkon.“ Ich möchte Sie herzlich einladen: Machen Sie mit. Jeden Abend um 19 Uhr. Am Anfang werden wir wenige sein. Aber vielleicht werden wir mehr. Und wir machen die Erfahrung, dass sie tragen die alten geliehenen Worte:

Wie ist die Welt so stille

und in der Dämmrung Hülle

so traulich und so hold

als eine stille Kammer,

wo ihr des Tages Jammer

verschlafen und vergessen sollt.

 

Amen

Und hier das Lied bei YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=h_iFWqHofw4