Predigt zum Sonntag Palmarum (5. April 2020)

Holger Braun (Prädikant in St. Nathanael)
Holger Braun (Prädikant in St. Nathanael)

Kurzpredigt zum Sonntag, 5. April 2020 (6. Sonntag der Passionszeit: Palmsonntag)

zum Anhören und Mitlesen:

Liebe Schwestern und Brüder,

der Evangelist Markus berichtet von einem der letzten Tage, an denen Jesus mit den Seinen zusammen war:

Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. (Mk 14, 3-7)

Dreimal hatte er es angekündigt. Dreimal hatte er gesagt, dass ihn seine Widersacher bald töten würden. Wer unter seinen Freunden und Begleiter Ohren hatte zu hören, der musste es wissen: Bald würde Jesus nicht mehr unter ihnen sein. Dieser Augenblick des Zusammenseins im Hause Simons des Aussätzigen war kostbar. Kostbarer noch als das duftende Nardenöl. So mag es die Frau, von der Markus berichtet, jedenfalls empfunden haben.

Denn sie nutzt es, um diesem Zusammensein für alle Anwesenden  einen unvergesslichen Charakter zu geben: Sie erbricht das Siegel der Alabasterphiole und salbt das Haar Jesu mit dem Öl. Das Haar mit Öl zu pflegen war zu Zeiten Jesu durchaus üblich, aber mit Nardenöl, einem der teuersten Öle überhaupt? Das ist doch wohl etwas übertrieben, schimpfen einige der Anwesenden. Die Frau meint das nicht. Und Jesus auch nicht. Er erkennt den wahren Wert dieser Geste.

Tatsächlich tut die Frau, vielleicht unbewusst, etwas Geniales. Unser Geruchssinn sitzt in einem der entwicklungsgeschichtlich ältesten Bereiche unseres Gehirns. Kein anderer unserer Sinne, nicht das Gehör und nicht das Auge, ist so eng verknüpft mit unserem Erinnerungen, wie der Geruchssinn. An Gerüche können wir uns lange, ja teils zeitlebens erinnern Und viele dieser Erinnerungen sind mit Erlebnissen, Stimmungen oder Bildern verknüpft.

Der Geruch einer Speise versetzt uns plötzlich zurück in Mutters Küche. Und lässt nicht der Geruch von Kerzen und Tannengrün gleich die Advents- und Weihnachtszeit  erstehen?

Für die Gemeinschaft im Haus Simons würde fortan der Duft des Nardenöls verknüpft sein mit der Gegenwart Jesu. Mit seiner Erscheinung, mit seiner Stimme, mit  seinem Lachen. Wann immer sie später den Nardenduft vernehmen würden, würde auch dieser Augenblick wiedererstehen.

Die Gegenwart Jesu, die Gegenwart Gottes zu spüren, das ist heute besonders wichtig, da wir nicht mehr zusammenkommen können um Gottesdienste zu feiern, um gemeinsam zu singen und zu beten. Gerade jetzt ist es wichtig darauf zu vertrauen, dass der Gott, der sein Menschendasein mit allen Freuden und Nöten bis zur bitteren Neige des Kreuzestodes ausgekostet hat, bei uns ist und bleibt. In jeder Lebenslage. Gott fühlt mit uns und ist jederzeit ansprechbar.

Unsere katholischen und orthodoxen Geschwister sind uns einen Schritt voraus, indem Sie ähnlich der Frau in Betanien der Gegenwart Gottes einen Duft verliehen haben. Den des Weihrauchs. Mit seinem Duft klingen der Gottesdienst, die Worte, die Lieder und Gebete weiter, auch wenn sie längst verklungen sind.

Wenn Sie mögen, geben Sie doch das nächste Mal, wenn Sie beten oder wenn Sie in der Bibel lesen, diesem Augenblick einen eigenen Duft. Verreiben Sie ein paar Tropfen Duftöl in den Händen. Atmen Sie den Duft des Augenblicks ein. Nehmen Sie diesen Duft mit, indem Sie einen Tropfen davon auf Ihr Taschentuch tun.

In der Verunsicherung, was noch kommen mag, in den Ängsten um uns selbst und die Menschen um uns herum, in dieser Zeit, in der wir uns alle in einen Ausnahmezustand befinden, mag es hilfreich sein, gelegentlich an dem duftenden Taschentuch zu schnuppern und zu fühlen: „Ja, er ist noch da. Gott ist bei mir“.

Amen.

Psalm

Gott ist mit uns, wo immer wir sind, in lichten wie auch in dunklen Zeiten. Dieser Überzeugung gibt der Beter des 139. Psalms Ausdruck. Worte aus diesem Psalm sind in dem Lied „Du bist da“ (Freitöne 91) vertont.

Zum Anhören oder Mitsingen: Du bist da