Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti (19. April 2020)

Pastor Dr. Stephan Vasel
Pastor Dr. Stephan Vasel

Pastor Dr. Stephan Vasel

Kraft schöpfen

Internetpredigt zum Sonntag Quasimodogeniti am 19. April 2020

(Zum Mitlesen, Mithören und Runterladen ! )

 So war es noch nie. Ostern ohne Osternacht. Ostern mit wenig Reiseverkehr. Ostern ohne Versammlungen. Und doch: Ostern hat stattgefunden. In Briefen. In Telefongesprächen. In Gottesdiensten im Fernsehen, Radio und Internet. In Spaziergängen. Im Basteln eigener Osterkerzen. In Posaunenklängen vom Balkon. Im Glockengeläut, im Gebet, im Singen mit Abstand und zuhause.

Ostern ist nicht ausgefallen, weil wir Wege gefunden haben, Ostern zu feiern. Und in einem tieferen Sinn ist Ostern da, weil Gott dafür sorgt, dass Ostern ist.

Eine Krise löst viele Gefühle aus. Unsicherheit gehört dazu. Wann wird es einen Impfstoff geben? Und wie stellt man so etwas her für die ganze Menschheit? Und was ist mit der Nachricht von Patienten, die erneut erkranken, obwohl sie es doch schon einmal hinter sich haben.

Es gibt aber auch viel Dankbarkeit gerade im Nahbereich. Wohin man auch schaut, die meisten Menschen halten sich sehr besonnen an die Hygiene- und Abstandsregeln. Es konnte bislang verhindert werden, dass unsere Krankenhäuser überlastet sind. Dank guter medizinischer Versorgung sterben in Deutschland weit weniger Menschen an Corona als in anderen Ländern. Da möchte ich nicht nur Ärzten, Wissenschaftlern und Politikern danken, sondern auch Gott selbst. Dankbarkeit auch in einer Zeit zu leben, in der es überhaupt möglich ist, einen Impfstoff zu finden.

Am Sonntag nach Ostern hören wir von einem ermatteten Volk. Es wendet sich müde an Gott und erhält eine ermutigende Antwort (Jes 40,28-31):

Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;

aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Müdigkeit ist ein Gefühl, das zur Krise gehört. Ein Krisenmodus ist anstrengend. Wir alle haben ein gemeinsames Thema. Doch die Anforderungen sind sehr unterschiedlich. Manche arbeiten rund um die Uhr, andere sind in Kurzarbeit und blicken mit Sorge, ob und wie es beruflich weitergehen mag. Die einen können wir nicht besuchen, mit anderen sind wir ungewohnt dicht und lang beieinander. Und die Krise ist wie ein Katalysator: Wir bekommen stärker in den Blick, was uns im Leben wichtig ist. Und das ist keineswegs bei allen Menschen gleich.

Oft geht es in der Bibel um weichenstellende Zeiten. So kennt die Bibel auch Müdigkeit. Spannend ist dabei: Müdigkeit darf sein. Denn Gott wirkt auch, wenn unsere Aufmerksamkeit an ihre Grenzen kommt: Er, der die Welt erschaffen hat, er wird weder müde noch matt. An Gott glauben kann auch bedeuten, sich Ruhe zu gönnen und um Kraft zu bitten aus einer Quelle jenseits unserer Selbst.

Dabei kann es geschehen, dass sich die Kräfte anders verteilen, als es unserem Erfahrungswissen entspricht: „Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft“. Für eine säkulare Gesellschaft ist dies ein ungewohnter Gedanke. Aber in ihm steckt eine Jahrtausende alte Glaubens- und Lebenserfahrung: „Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft.“

Dies ist ermutigend, aber auch unbequem. Wir sind es gewohnt, dass vieles in unserem Leben sofort zur Verfügung steht. Ein Klick und schon ist es da. Das ist uns so selbstverständlich, dass ein Wort wie „Harren“ aus unserem Wortschatz fast schon verschwunden ist. „Harren“ bedeutet, dass wir mit einem gewissen Trotz an Gott festhalten, mit einem Dennoch. Wir wissen nicht, wie er das lösen wird. Aber wir hängen uns an ihn. Und wir vertrauen darauf, dass er Wege finden wird, auf denen unsere Füßen gehen können.

Dabei steht uns keine Landkarte zur Verfügung. Wir wissen nicht genau, wo wir langgehen werden. Und wir wissen auch nicht genau, wie lang der Weg sein wird. Aber vielleicht kommen wir im Rückblick zu dem Schluss, dass wir die Erfahrung des Jesaja auch in unserem Leben gemacht haben:

Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Amen.