Predigt zum Sonntag Rogate (17. Mai 2020)

Pastorin Gundula Rudloff
Pastorin Gundula Rudloff

Andacht zum 5.Sonntag nach Ostern „Rogate“, 17. Mai 2020

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„Setzt die Atmung aus, ist das Leben in akuter Gefahr.“

Dieser Zusammenhang ist so unmittelbar einleuchtend, dass er in kürzester Zeit weltweit einen sog. „Lockdown“ herbeiführte. Denn der Lebensgefahr durch ein Virus, das Atemnot verursacht, weil es die Lunge angreift, soll wirksam begegnet werden. Längst sind wir alle dabei, Hygieneregeln zum Schutz von Leben zu lernen und mit dem beispiellosen Ausnahmezustand, auch in unserer Kirchengemeinde, bestmöglich klarzukommen.

Das Zitat lautet vollständig: „Das Gebet ist die Atmung des Glaubens; setzt die Atmung aus, ist das Leben in akuter Gefahr.“

Liebe Gemeinde, Leben ist nicht nur in Gefahr, wenn körperliche Funktionen bedroht sind; Leben ist auch in Gefahr, wenn der Glaube bedroht ist.

Wir befinden uns nicht nur in einer globalen Viruskrise, sondern – zumindest in weiten Teilen der Welt und auf jeden Fall in unserm Land – auch in einer Glaubenskrise. Unser Leben ist nicht nur durch Krankheit ernsthaft bedroht, sondern auch durch einen Mangel an Glauben, an Vertrauen auf Gott. Das ist eine lebensgefährliche Beziehungskrise und auch ein Grund dafür, dass wir mitunter gerade so haltlos und angstgetrieben auf eine Virusgefahr reagieren.

Wir brauchen außer den wichtigen Hygieneregeln zur Bekämpfung des Virus auch ein wirksames Mittel gegen die Glaubenskrise.

Der Name dieses Sonntags benennt dieses Mittel: Rogate! Auf deutsch: Betet! Wir sind eingeladen, in eine persönliche Beziehung mit Gott einzutreten und diese Beziehung zu pflegen.

Was wir dazu brauchen, ist nicht viel: Zeit und ein bisschen Ausdauer. Bemerkenswerter Weise legt uns „Corona“ gerade nah – wenn auch unfreiwillig – beides (neu) in den Blick zu nehmen. Die Zeit: weil vieles gerade ausfällt und wir uns auf Dinge besinnen können, die wirklich zählen. Die Ausdauer: weil der Ausnahmezustand keine Kurzzeit-Episode ist.

Betet! – Natürlich gibt es gleich einige, die sagen: ‚Beten - das ist nicht so mein Ding.‘ Allerdings bin ich überzeugt, dass keinem Menschen das leidenschaftliche Beten in die Wiege gelegt wurde, sondern dass das Dranbleiben am Gebet ein Weg ist, der immer mal mühsam ist.

Betet! – Die Einladung meint jedenfalls alle.

„Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt“, hatte Jesus kurz vor seiner Verhaftung zu seinen Jüngern gesagt. Es war schon immer so und wird immer so sein, dass das Gebet als „Atmung des Glaubens“ vom Widersacher Gottes, dem Teufel, angegriffen wird. Das sieht dann so aus, dass wir durch 1000 Dinge abgelenkt und am Beten gehindert werden, dass uns das Gebet unwichtig, langweilig oder gar überflüssig erscheint oder dass es uns von andern madig gemacht wird. Aber ohne Gebet lassen wir uns als Einzelne und als Gemeinde lähmen, werden träge, gedankenlos, undankbar, perspektivlos und angstvoll. Das Gebet hat Macht, vor all diesen Versuchungen zu bewahren.

Deshalb: Betet!

Angeblich soll es ja so sein, dass seit „Corona“ mehr gebetet wird. Ich finde es wunderbar, dank der technischen Möglichkeiten dieser Zeit inzwischen viele gute Video- und Telefonkonferenzschaltungen mit Gebetsgemeinschaft erlebt zu haben, auch in unserer Gemeinde. Das verbindet und macht Mut, und ich lade herzlich ein, sich anzuschließen.

Wenn uns diese Krise also mehr beten lehrt, ist sie auf jeden Fall eine Chance! Es wäre ja schade, wenn wir aus dieser Zeit nicht mehr mitnähmen, als zu wissen, wie man Gesichts-Masken näht, was 1,5 bis 2 Meter Abstand in der Öffentlichkeit bedeuten und wie Home-Schooling und Home-Office am effektivsten organisierbar sind.

Betet! – Wie wäre es, wenn nicht nur der Mund-Nase-Schutz unsern neuen Alltag prägte, sondern viel mehr das Gebet? Wenn wir jeden neuen Tag und jede Nacht mit Gebet begännen und unsere Aufgaben und Begegnungen betend vorbereiteten?

Wie wäre es, wenn zu allem Planen, Entscheiden und Handeln, zu allen Treffen von Gruppen und Kreisen der Gemeinde und des Kirchenvorstandes, das Gebet ganz selbstverständlich dazugehörte und wir uns vom Gespräch mit Gott inspirieren ließen? Ich bin zuversichtlich: Unser Leben wäre verheißungsvoller, unser Gotteslob inniger, unser Dank tiefer, und wir hätten mehr davon zu erzählen, wie Gott mitten in unserm Leben wirkt: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet“. – Aus Gebet wird Lobpreis. Das darf auch zu unserer Erfahrung werden, vielleicht gleich in dieser Woche, die heute mit diesem Wochenspruch aus Psalm 66 beginnt (Ps 66,20).

 

Betet! Das ist unsere Chance, zu leben, wozu wir geschaffen sind: zur Beziehung mit Gott.

Betet! – Das ist die Chance, mit Gott getrost und von ihm gestärkt durch gute und durch schwere Zeiten zu gehen.

Betet! – Das ist die Chance, sich geborgen zu wissen mitten in der Vergänglichkeit dieser Welt und unseres Lebens.

Betet! – Das gibt Hoffnung in dieser Zeit und Vorfreude auf die Vollendung in Ewigkeit.

Betet! – Manchmal wissen wir nur nicht, was. Ich bin echt dankbar, dass es den Freunden von Jesus auch so ging und dass sie sich deshalb vertrauensvoll an Jesus wandten: „Herr, lehre uns beten!“ (Lk 11,1). Deshalb gibt es das Gebet, das die Welt umspannt: das Vaterunser.

Betet! Denn wir haben einen Vater im Himmel. Zu ihm dürfen wir ganz engen Kontakt haben – eben wie Kinder zu ihrem Vater. Und diesen Kontakt kann uns kein Kontaktverbot und keine Freiheitsbeschränkung dieser Welt nehmen.

Betet! Unsere Hoffnung ist unvergleichlich größer als die auf einen Impfstoff zur Überwindung der Corona-Krise. Lasst uns für Wissenschaftler beten und Gott für jeden medizinischen Fortschritt danken, von dem wir profitieren. Aber unsere Hoffnung richtet sich auf mehr als diese Welt zu bieten hat und was ohnehin vorläufig ist. Unsere Hoffnung kommt von Ostern her, wo Jesus den Tod für uns besiegt hat. Deshalb hoffen wir auf die Überwindung des Todes und auf das ewige Leben. Der „Impfstoff“ dafür ist kein Ergebnis unserer Forschung, sondern längst von Gott geschenkt: das Blut Jesu Christi, am Kreuz für uns vergossen zur Vergebung der Sünden.

Liebe Gemeinde, Jesus allein garantiert unzerstörbares Leben. Um es mit biblischen Zitaten zu sagen: Wir dürfen Teil seiner Gemeinde sein, die er „durch sein eigenes Blut erworben hat“ (Apg 20,28). „Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir gerettet werden durch sein Leben“ (Rö 5, 9-10). „Wer mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tag auferwecken“, sagt Jesus (Joh 6,54). – Wem sonst sollten wir unser Leben anvertrauen – im Gebet.

Darum: Betet! Es gibt viele Formen, das mit eigenen oder geschenkten Worten zu tun, aber es ist die „Atmung des Glaubens“.

 

Lasst uns gemeinsam beten:

 

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

 

 

P.S. Im Gesangbuch ist das Vaterunser unter der Nr. 344 „Vaterunser im Himmelreich“ vertont. Der Text stammt von Martin Luther. Aber trotz der alten Worte ist es eine wunderbare Deutung und Vertiefung des Vaterunsers.